Brauchst du Hilfe?
Inhaltsverzeichnis
< Alle Themen
Drucken

Lernen & Bildung

Lernen und Bildung | Dr. Yasemin Yazan

1. Einführung

Um den Zusammenhang von Lernen und Bildung zu verstehen, ist es erforderlich das Anliegen des bildungstheoretischen Diskurses zu verstehen. Die Frage ist, warum lernen wir denn eigentlich? Also was ist der Sinn des Lernens? Und wann ist Lernen legitim und wann ist es illegitim? Es geht um die normative Ausrichtung des Lernens. Wenn die normative Ausrichtung positiv ist, dann spricht man von Bildung. also ein positiv ausgerichtetes Lernen zielt auf Bildung. Doch wann ist die normative Ausrichtung des Lernens positiv? Hierauf git es viele Antworten. Eine mit dem größten Konsens ist: Es ist positiv, wenn der Lernende selbstbestimmt lernt, also auch seine Lernziele selbst bestimmt. Damit ist Selbstbestimmung das entscheidende Kriterium.

2. Historischer Zusammenhang

Um das besser zu verstehen, ist es wichtig die historischen Zusammenhänge zu sehen: Diese Theorien haben ihre Wurzeln in der Aufklärung. Im Feudalismus, das ist die gesellschaftliche Epoche vor der Aufklärung, da war das klar: Jeder Mensch gehörte einem Stand an (Bauernstand, Kaufmann, Bauer, Adliger, Klerus). Jeder hatte einen Stand und war lebenslänglich an diesen Stand gebunden. Es gab nur eine Ausnahme, nämlich man konnte in den Stand des Klerus wechseln, indem man Nonne wurde. Da war also alles geregelt. Und die Aufklärung war im Grunde die Kriegserklärung an den Adel, weil der Adel sagte: „Wir sind etwas Besseres und deswegen haben wir mehr Rechte als die anderen Menschen.“ Und da wurde gesagt: „Das ist quatsch. Das stimmt nicht. Es gibt allgemeine Menschenrechte, also jeder Mensch hat aufgrund seines Menschseins gleiche Rechte.“ Das ist der Gedanke der Aufklärung. 

Im Feudalismus war klar, auf welche Ziele das Leben ausgerichtet war. Der Bauernsohn musste Bauer werden, der Metzgersohn musste Metzger werden. Das war alles geregelt durch die gesellschaftliche Ordnung und man musste sich in die gesellschaftliche Ordnung integrieren. Aber jetzt mit der Aufklärung, dem Entstehen der Demokratie, funktionierte das nicht mehr. Und da entstand eine ganz zentrale Frage, nämlich: „Wer hat das Recht, zu bestimmen, in welche Richtung, auf welches Ziel mein persönliches Leben ausgerichtet sein muss?“ Die Antwort lautete: „Das ist nicht der Gutsherr und auch nicht der Papst etc., sondern das bin ich ganz alleine. Selbstbestimmung. Das ist Teil meines Menschenrechts. Ich habe das Recht.“ Das ist verbunden mit Rousseau, 18. Jahrhundert, Kant, Humbold und Johann Friedrich Herbart sind da vor allem zu nennen.

3. Entstehung des Bildungsbegriffs

Und jetzt musste man sich überlegen: „Selbstbestimmung? Wie soll das denn funktionieren?“ Da hat man nur eine einzige Lösung gefunden, nämlich: Die Menschen müssen die Selbstbestimmung erlernen. Und dieser Erlernungsprozess wurde als Bildungsprozess bezeichnet, also immer mehr sich selbst bestimmen zu können. Weil vom 5-jährigen Kind kannst du nicht erwarten, dass es weiß, welchen Beruf es erlernen möchte. Das ist so eine Spirale, die das ganze Leben durchgeht: Was soll das Ziel meines Lebens sein? Also was heißt für mich Selbstbestimmung? Und diese Selbstbestimmung muss gelernt werden in einem Lernprozess, der selbstbestimmt ist. Wenn das zutrifft, dann spricht man von Bildung oder Bildungsprozessen. Also das ist ethisch etwas Höheres, das ist die ethische Norm. Entsprechend gibt es auch bei vielen Erziehungswissenschaftlern sehr große Empfindlichkeiten und Ausgrenzungen, wenn bestimmte Personen sich nur für Qualifizierung interessieren. 

4. Qualifizierung

Was ist jetzt Qualifizierung? Der Begriff der Qualifizierung wurde in den 60er Jahren eingeführt von Bäthke. Also die erste Epoche 50er bis 60er Jahre war die geisteswissenschaftliche Epoche, in der ganz viel über die Bildung nachgedacht wurde und überlegt wurde, wie es gelingt, dass die Menschen richtig gut gebildet werden, die Kinder, die Erwachsenen usw. 

Dann kam die realistische Wende, in der gesagt wurde: Das ist alles weltfern. Wir müssen im Sinne unserer Wirtschaft und Zukunft lernen. Es gibt da berufliche Herausforderungen etc. Lernen ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Und das ist dann Qualifizierung. Also man muss dann bestimmtes Können und Wissen haben, um z. B. Elektroniker zu werden oder Apotheker oder Arzt etc. Dann brauchst du Qualifikationen. Und da geht es nicht um Selbstentfaltung, Selbstfindung, sondern ausschließlich um Mittel zum Zweck, um bestimmte gesellschaftliche Aufgaben lösen zu können. 

Es lässt sich also festhalten, dass es zwei große Richtungen gibt, nämlich Lernen als Mittel zum Zweck (vor allem für berufliche Zwecke oder um gesellschaftliche Aufgaben managen zu können) und Lernen als Medium zur Selbstfindung und Selbstentfaltung. Und das ist dann die Spannung zwischen Bildung und Qualifikation oder Qualifizierung, denn die Uneinigkeit und der Streit zwischen den Akteuren hält bis heute an.

5. Schlüsselqualifikationen

Wenn wir an Qualifikationen denken, gibt es tausende, denn es gibt unzählige gesellschaftliche und berufliche Aufgaben und entsprechend auch unendlich viele Qualifikationen. Deshalb wird gesagt: „Da gibt es übergeordnete Qualifikationen, mit denen man Qualifikationen erschließen kann. Also der goldene Schlüssel gewissermaßen. In diesem Zusammenhang sprechen wir von so genannten Schlüsselqualifikationen, die überfachliche Kompetenzen darstellen. Hierzu zählen z. B. Methoden-, Selbst- und Sozialkompetenz. Allerdings hat man sich bis heute nicht auf eine Struktur einigen können, um die verschiedenen Schlüsselqualifikationen zu ordnen. 

Rolf Arnold greift den Gedanken der Schlüsselqualifikationen auf  und sagt, dass Schlüsselqualifikationen Bildungsdimensionen sind, denn sie zeichnen sich durch ein hohes Maß an Selbstreflexion oder Selbstreflexivität aus. Diese allgemeinen bzw. übergeordneten Qualifikationen lassen sich nur dann realisieren, wenn Menschen selbstorganisiert lernen. Insofern sind Schlüsselqualifikationen im Grunde bildungstheoretisch begründet. In diesem Sinne lassen sich Schlüsselqualifikation als Bildung verstehen, die Qualifikation mit einschließt. Voraussetzung ist jedoch, dass alle Schlüsselqualifikationen zusammenwirken. Erst dann kann man von Bildung sprechen. Das ist aber jetzt vor allem die Position von Arnold. Würde Bildung sich nur durch eine Sinnhaftigkeitskomponente begründen lassen, besteht die Gefahr, dass ich mich selbst verwirkliche, aber beruflich nicht Fuß fasse. Das darf natürlich auch nicht sein. Also der Grundgedanke ist immer: Selbstverwirklichung muss natürlich auch den Menschen befähigen, lebenstüchtig zu werden. Also nicht nur Selbstfindung, Selbstentfaltung, sondern die Basis ist natürlich immer auch Lebenstüchtigkeit. 

6. Unterschied Bildung und Qualifizierung

Um es noch mal deutlich auf den Punkt zu bringen: Bildung hat 2 Komponenten, eine Nützlichkeitskomponente und eine Sinnhaftigkeitskomponente (oder auch ethische Komponente). Qualifizierung hat nur eine Nützlichkeitskomponente. Damit ist nicht jede Weiterbildung auch Bildung. Es gibt Weiterbildungsmaßnahmen, die im Wesentlichen nur der Nützlichkeit dienen, also funktional sind. Andererseits gibt es Weiterbildungsmaßnahmen, die darüber hinaus auch gesellschaftlich legitimiert sind, also ethische Ansprüche haben. Letztere dienen nicht nur der Nützlichkeit, sondern decken darüber hinaus auch die Sinnhaftigkeit ab. 


Dr. Yasemin Yazan

Herausgeberin & Autorin der Knowledge Base

Dr. Yasemin Yazan

Die mehrfach ausgezeichnete Unternehmerin und Bestseller-Autorin Dr. phil. Yasemin Yazan ist promovierte Erwachsenenbildnerin und Neurowissenschaftlerin mit fundiertem Praxis-Know-How. 

FAQs

Was ist die politische Dimension des Bildungsbegriffs?

Wie bereist ausgeführt ist Selbstbestimmung ein zentraler Begriff der Bildung. Nun kann aber die jeweilige Selbstbestimmung nicht sozial isoliert von anderen betrachtet werden. Deshalb muss meine Selbstbestimmung in Übereinstimmung gedacht werden mit der Selbstbestimmung der anderen, mit denen ich auch in Zukunft zu tun habe, also im Sinne einer gemeinschaftlichen Zukunft . Daher geht es auch um eine gemeinsame Selbstbestimmung. Und dafür gibt es seit der Aufklärung den Begriff der Demokratie. Damit ist in dem Bildungsbegriff das Demokratiegebot eingebaut, nämlich gemeinsam die Zukunft selbst zu bestimmen und zwar über Diskurs. Das wiederum ist das Prinzip im Parlament, also die Grundidee, dass das freie Wort und bessere Argument, was im Parlament ausgetauscht wird, darüber bestimmt wie unser aller Zukunft sein wird bzw. wie Politik gemacht wird. Daher kann der Begriff oder die Norm der Selbstbestimmung nicht individualistisch isoliert betrachtet werden, sondern nur sozial und gesellschaftlich. 

Ist Schule Bildung oder Qualifizierung?

Das, was in Schule angeboten wird, ist auf jeden Fall Qualifizierung, weil es einen Nützlichkeitscharakter hat. Wenn du Mediziner werden willst, dann musst ein bestimmtes Durchschnittsabitur haben, wenn du Psychologie studieren willst, sich Numerus Clausus. Das entscheidende Argument der Zwanghaftigkeit zu mindestens bis zum 10.
Schuljahr ist offensichtlich und wird von dem Soziologen Oevermann auch vorgetragen
als das entscheidende Argument gegen Bildung.

Gleichwohl versucht Schulpädagogik den Begriff der Bildung nicht aufzugeben. Dabei wird advokatorisch argumentiert: In der Schule wird nur das vermittelt, was sinnvoll ist, d.h. man sagt: „Wenn die Schüler erwachsen sind, können sie prüfen, ob die Inhalte, die sie in der Schule gelernt haben, für ihr Leben sinnvoll waren, also auch für ihre Selbstbestimmung sinnvoll waren. Und wir versuchen diese Argumentation vorwegzunehmen und nur das zu vermitteln, was gute Aussichten hat, nicht nur nützlich zu sein, sondern auch ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Das ist das erste Argument und bezieht sich auf die Bildungsinhalte. Sie begründen sich mit Bezug auf die noch zu erreichende Selbstbestimmung des Schülers.

Das 2. Argument bezieht sich auf die Unterrichtsmethode oder die Lehr-/Lernmethode. Und auch da sticht das Argument der Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung. Da wird versucht, solche Unterrichtsmethoden zu bevorzugen, die einen hohen Grad der Selbststeuerung der Schüler ermöglichen oder garantieren, wie z. B. die Projektmethode. Und es gab in der Geschichte der Schule auch eine Bewegung, Reformpädagogik, da ist das ganz intensiv versucht worden, mit Methoden zu lehren, die auf einem Höchstmaß an Selbstbestimmung beruhen. In dieser Tradition steht auch die so genannte Ermöglichungsdidaktik von Arnold. Das ist ein methodisches Vorgehen, dem Schüler nur Angebote zu machen und ihn zu befähigen, selbstständig zu arbeiten. Also der Lehrer wird auf diese Weise immer mehr zum Lerncoach. In der beruflichen Bildung wird das ganz ausdrücklich gesagt und gefordert.

Bedeutet der Bologna-Prozess an Hochschulen einen deutlichen Schritt in Richtung Qualifizierung?

Das Argument von Wilhelm von Humbold war, in Freiheit zu studieren. Also das Studium ganz auf Freiheit auszurichten, d.h. ein total selbstbestimmtes Studium. Dieser Grundgedanke ist durch die Verschulung von Bologna aufgeweicht bzw. nicht mehr möglich. Also Bologna ist ein deutlicher Schritt in Richtung Qualifizierung. Das ist einerseits sehr traurig, aber man muss auch gleichzeitig sagen, dass viele Studierende die Freiheit zur Bildung auch nicht wahrgenommen haben und deshalb das untere Level, nämlich eine gute Qualifizierung
erfolgreich abzuschließen, nicht geschafft haben. Also sie haben diese Freiheit missbraucht, sie haben diese Freiheit nicht produktiv genutzt. Doch Bildung muss Qualifizierung einschließen. Also Bildung kann nicht nur sagen: „Ich gebe dem Lernenden alle Freiheiten dieser Welt“, sondern es muss ein Lernprozess sein, der de facto auf Selbstbestimmung beruht und Selbstbestimmung steigert, also ein Weg einer zunehmenden Selbstbestimmung.

 

3 Mythen entlarvt - Wenn die Wissenschaft Wissen schafft! | Dr. Yasemin Yazan

Wenn Wissenschaft Wissen schafft!

Leider gibt es auf dem Markt sehr viel Halbwissen. Sei es, weil z. B. Forschungsergebnisse falsch interpretiert oder falsche Kausalitäten hergestellt werden oder Übertragungen in andere Kontexte stattfinden, die gar nicht Untersuchungsgegenstand waren.

Wir greifen 3 Mythen auf und zeigen, was die Wissenschaft schon längst weiß:

- Warum die Bedürfnispyramide von Maslow keine zuverlässige Grundlage für Motivation ist

- Warum Persönlichkeitstests als Fundament für Personalentscheidungen fragwürdig sind

- Warum es eine Quote als wirksames Mittel gegen Unconscious Bias braucht

Datenschutz

Einverständniserklärung

Herzlichen Glückwunsch - Dein Download erwartet dich in deinem Mail-Postfach!